Kinky Spiele auf alten Pfaden: Warum BDSM feministischer sein kann als Blümchensex
Haben wir das Patriarchat nicht eigentlich abgeschafft? Zumindest in unseren Köpfen? Warum erfreuen sich dann Dominanz und Unterwerfung – oft entlang ganz klassischer Rollenbilder – im Schlafzimmer so großer Beliebtheit? Ein Blick auf einen spannenden Diskurs aus der taz.
Wer sich als aufgeklärt, feministisch oder progressiv bezeichnet, stolpert früher oder später oft über ein scheinbares Paradoxon im eigenen Begehren: Wie passt der politische Kampf für Gleichberechtigung eigentlich dazu, dass man sich im Bett fesseln, erniedrigen oder dominieren lassen möchte?
Ein Artikel in der taz-Kolumne „Kuscheln in Ketten“ (Autor: Peter Weissenburger) hat sich diesem Spannungsfeld unter dem Titel „BDSM und Geschlechterrollen“ gewidmet. Wir haben die Kerngedanken für euch zusammengefasst.
Das Paradoxon des Begehrens
Der Artikel greift ein Unbehagen auf, das viele kennen: Im Alltag kämpfen wir gegen toxische Männlichkeit und für das Aufbrechen starrer Gender-Klischees. Doch sobald die Tür zum Schlafzimmer zugeht, werden oft genau diese „alten Pfade“ wieder beschritten. Der Mann dominiert, die Frau unterwirft sich – oder umgekehrt, aber stets in Hierarchien.
Ist das Verrat an der eigenen politischen Haltung?
Die These: Bewusstes Spiel vs. unbewusster Alltag
Der Text argumentiert, dass BDSM diese Rollen nicht einfach unreflektiert reproduziert, sondern sie inszeniert. Der entscheidende Unterschied zum „normalen“ (heteronormativen) Alltag liegt in zwei Punkten:
- Konsens: In BDSM-Kontexten werden Machtgefälle explizit verhandelt. Es gibt Absprachen, Safewords und ein klares „Ja“ zum Machtverlust.
- Der Rahmen: Die Unterwerfung ist eine bewusste Entscheidung für einen begrenzten Zeitraum – ein Spiel mit dem Feuer, das nur Spaß macht, weil man weiß, dass es nicht die Realität ist.
Warum „Vanilla“ oft gefährlicher ist
Eine provokante, aber einleuchtende These des Beitrags ist der Vergleich zum sogenannten „Blümchensex“ (Vanilla). In vielen konventionellen Beziehungen bleiben Machtdynamiken oft unausgesprochen. Wer bestimmt, wann was passiert? Wer leistet die emotionale Arbeit?
Während im BDSM die Machtfrage offen auf dem Tisch liegt (und damit paradoxerweise kontrollierbar wird), schleichen sich in „normale“ Beziehungen oft Ungleichheiten ein, die eben nicht konsensual verhandelt wurden, sondern einfach als „gegeben“ hingenommen werden.
Fazit: Emanzipation durch Inszenierung
Der Artikel kommt zu dem Schluss, dass die spielerische Übernahme von klischeehaften Geschlechterrollen im BDSM sogar eine befreiende Wirkung haben kann. Es erlaubt uns, den Druck der ständigen Selbstoptimierung und politischen Korrektheit kurzzeitig abzugeben – in einem sicheren Rahmen.
Unsere Meinung: Wer politisch korrekt liebt, hat nicht automatisch den besseren Sex. Vielleicht ist es sogar ehrlicher, die eigenen Abgründe und Machtfantasien bewusst auszuleben, als so zu tun, als gäbe es sie nicht.
Quelle: TAZ