Fehlt der Politik ein Safeword? Was Demokratie von BDSM lernen kann

In einer provokanten, aber messerscharfen Analyse für die taz zieht die Publizistin Kübra Gümüşay eine ungewöhnliche Parallele: Sie vergleicht unser demokratisches System mit den Mechanismen von BDSM. Ihr Fazit? In der Politik mangelt es oft genau an dem, was in BDSM-Kreisen heilig ist – echter Konsens und klare Verantwortlichkeit.

Wer an BDSM (Bondage, Discipline, Sadism, Masochism) denkt, hat oft Bilder von Peitschen und Fesseln im Kopf. Doch Gümüşay lenkt den Blick auf die psychologische Struktur dahinter: Es geht um die bewusste und temporäre Abgabe von Macht.

In ihrem Essay argumentiert sie, dass BDSM-Beziehungen paradoxerweise oft demokratischer und verantwortungsbewusster geregelt sind als unser Verhältnis zur gewählten Regierung.

Das Prinzip der absoluten Sicherheit

In einer BDSM-Session gibt der submissive Part (der „Unterwürfige“) die Kontrolle ab, behält aber durch das Safeword die ultimative Macht. Sobald dieses Wort fällt, muss alles sofort stoppen. Das Vertrauen basiert darauf, dass Grenzen respektiert werden und Verantwortung für das Wohl des anderen übernommen wird.

Das politische Defizit

Hier zieht Gümüşay den Vergleich zur Politik:

  • Machtabgabe ohne Notbremse: Als Bürger geben wir unsere Stimme ab und verleihen Politikern Macht. Doch im Gegensatz zum Dungeon fehlt uns im Parlament oft das „Safeword“. Wir können politische Entscheidungen, die uns schaden, zwischen den Wahlen kaum stoppen.
  • Fehlende Verantwortung: Während ein verantwortungsvoller Dom (der dominante Part) stets das Wohl des Partners im Blick haben muss, agieren Politiker oft ohne direkte Konsequenzen für gebrochene Versprechen oder schädliches Handeln.

„Wir geben unsere Stimme ab, aber wir behalten nicht die Handhabe.“

Fazit: Wir müssen anspruchsvoller werden

Der Artikel ist kein Plädoyer für Sadomasochismus, sondern ein Weckruf für mehr politische Mündigkeit. Gümüşay fordert, dass wir Macht nicht einfach blind abgeben („Wahl und gut ist“), sondern Mechanismen der Rechenschaftspflicht einfordern. Demokratie darf keine Einbahnstraße sein, bei der die Mächtigen nach der Wahl tun und lassen können, was sie wollen.

Wir brauchen eine Kultur, in der Machtmissbrauch genauso tabuisiert wird wie das Ignorieren eines Safewords – und in der Bürger verstehen, dass sie trotz Machtabgabe die eigentlichen Souveräne bleiben müssen.

Quelle: TAZ