In der Diskussion um „Kink at Pride“ und die generelle Sichtbarkeit von Fetischen im öffentlichen Raum kochen die Gemüter oft hoch. Sind Leder, Latex und Puppy-Masken noch politisch, oder stören sie das Bild der „sauberen“ Community, die nach Akzeptanz strebt?
Ein spannender Beitrag in der Siegessäule von Paula Balov, basierend auf einem Interview mit Peter Rehberg (Schwules Museum), wirft einen historischen Blick auf diese Debatte und liefert ein starkes Plädoyer: Bitte sexpositiv bleiben!
Hier ist die Zusammenfassung der wichtigsten Punkte für euch:
1. Die historische Allianz der „Perversen“
Der Artikel erinnert daran, dass die heutige LGBTQ+-Bewegung nicht auf bürgerlicher Angepasstheit fußt. Besonders in den späten 70ern und 80ern entstand eine Allianz aus nicht-normativen Sexualitäten. Lederkerle, Tunten und Fetisch-Leute fanden sich nicht primär über Identitätspolitik, sondern über sexuelle Praxis und das Anderssein zusammen.
2. Die Politisierung durch die AIDS-Krise
Ein zentraler Punkt des Artikels ist die Rolle der AIDS-Krise. Sie politisierte Sexualität radikal. Während ein Teil der Gesellschaft (und auch der Szene) die „sexpositive Kultur“ als Problem sah, erkannten andere sie als Errungenschaft. Fetisch-Netzwerke wurden zu lebenswichtigen Kanälen für Safer-Sex-Informationen und gegenseitige Fürsorge. Der Kampf gegen das Virus war untrennbar mit dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung verbunden.
3. Der Wandel des Begriffs „Queer“
Rehberg stellt fest, dass der Begriff „Queer“ um 1990 noch stark auf Sexualität fokussiert war. Heute, dreißig Jahre später, hat sich der Fokus oft verschoben – weg von der sexuellen Praxis hin zu reiner Identitätspolitik. Der Artikel warnt davor, dass dabei die radikalen, sexpositiven Wurzeln verloren gehen könnten.
4. Akzeptanz vs. Anpassung
Das Fazit des Beitrags ist eindeutig: Echte Emanzipation bedeutet nicht, sich so lange anzupassen, bis man nicht mehr auffällt. Die Fetisch-Community ist kein „peinlicher Onkel“, den man verstecken muss, sondern ein historisches Rückgrat der Bewegung.
Unser Takeaway: Sexualität war und ist politisch. Wenn wir anfangen, „guten“ (angepassten) von „schlechtem“ (fetischbasiertem) Queer-Sein zu trennen, sägen wir an dem Ast, auf dem wir alle sitzen. Also: Lederjacke an, Kopf hoch und sexpositiv bleiben!
Quelle: Siegessäule