Vom „Arbeiten“ zum „Spielen“: Wie sich die Fetisch-Szene neu erfindet

Ein neues Buch wirft einen Blick auf 60 Jahre deutsche Kink-Geschichte und zeigt: Die Leder-Community ist weicher, bunter und generationenübergreifender geworden. Ein spannendes Interview in der Siegessäule beleuchtet den Wandel.

Leder, Lack und Disziplin – lange Zeit galt die schwule Fetisch-Szene als Bastion einer hypermaskulinen Ernsthaftigkeit. Doch wie ein aktueller Beitrag des Magazins Siegessäule zeigt, befindet sich die Szene in einem faszinierenden Wandel. Anlass für diese Bestandsaufnahme ist das Buch „Spielen am Rand“, herausgegeben vom Münchner Rechtsanwalt und Szene-Kenner Thomas Tetzner.

In einem aufschlussreichen Interview mit Kevin Clarke erklärt Tetzner, wie sich das Selbstverständnis der Community über die Jahrzehnte verändert hat und warum „Fetisch verbindet“ mehr ist als nur eine Floskel.

Generationen im Dialog: „Arbeiten“ vs. „Spielen“

Ein zentraler Punkt des Artikels ist der sprachliche und inhaltliche Shift zwischen den Generationen. Während die „Old Guard“ der Ledermänner ihren Sex früher oft als „Arbeiten“ bezeichnete – ein Begriff, der Härte, Ernsthaftigkeit und eine klare Abgrenzung zum „Kindlichen“ markierte –, geht die jüngere Generation das Thema anders an.

Mit dem Aufkommen neuerer Strömungen wie Puppies (Welpenschule) oder ABDL (Adult Baby Diaper Lover) hat sich der Begriff des „Spielens“ etabliert. Dieser Wandel steht laut Tetzner für ein aufgebrochenes Männlichkeitsbild: Auch ein dominanter „Meister“ darf heute spielerische Facetten zeigen, ohne an Autorität zu verlieren. Die Szene ist „weicher“ geworden – im positivsten Sinne.

Mehr Inklusion im Kink

Das Interview hebt zudem hervor, wie sich die Exklusivität der Szene gewandelt hat. Wurden früher Männer, die nicht dem harten Leder-Archetyp entsprachen (und etwa als „Tunten“ abgewertet wurden), oft ausgegrenzt, sind sie heute ein integraler Bestandteil der Community. Die Grenzen verschwimmen, und die Akzeptanz für unterschiedliche Ausdrucksformen von Männlichkeit und Fetisch wächst.

Ein harmonisches Miteinander

Überraschend harmonisch beschreibt Tetzner das Verhältnis zwischen Alt und Jung. Statt Konflikten herrscht oft gegenseitige Wertschätzung:

  • Die Jüngeren bewundern die Älteren als Wegbereiter, die die Strukturen und Orte erkämpft haben, die heute genutzt werden.
  • Die Älteren nehmen diesen Zuspruch wohlwollend an und staunen über die Unbeschwertheit der neuen Generation.

Fazit: Das Buch „Spielen am Rand“ und das begleitende Interview in der Siegessäule zeichnen das Bild einer lebendigen Szene, die sich zwar verändert, aber in ihrer Leidenschaft vereint bleibt. Fetisch ist heute weniger ein starres Regelwerk und mehr ein gemeinsamer Spielplatz für alle Generationen.

Quelle: Siegessäule