Leipzig in tiefem Schwarz: Ein Rückblick auf das 32. Wave-Gotik-Treffen 2025
Wenn sich die sächsische Metropole zu Pfingsten in ein Meer aus Spitze, Lack und dunklem Samt verwandelt, dann ist wieder Wave-Gotik-Treffen. Vom 06. bis 09. Juni 2025 lud das 32. WGT zur „Schwarzen Versammlung“ ein. Was die Besucher erwartete, war das gewohnt eklektische Gesamtkunstwerk aus Konzerten, Vorträgen und jenem munteren, düsteren Treiben, das Leipzig für vier Tage in den emotionalen Ausnahmezustand versetzt.
Mit 141 Künstlern an über 60 Veranstaltungsorten war das Programm gewohnt ambitioniert. Wer hier den Überblick behalten wollte, griff traditionell zur Webseite – oder nutzte erstmals die neue offizielle WGT-App. Sie hat die Planung gerade unterwegs spürbar erleichtert und ist eine willkommene Modernisierung für das traditionsreiche Festival.
Der Auftakt: Zwischen Kerzenschein und Tanzrausch
Bereits am Donnerstag füllte sich das Agra-Gelände zusehends. Während die ersten Festivalbändchen an den zentralen Anlaufstellen der Stadt über die Handgelenke glitten, stieg die Vorvorfreude. Der Abend stand im Zeichen der Aufwärmübungen: Ob bei den „Electro Allstars“ in der geschichtsträchtigen Moritzbastei oder dem klassischen Warm-up im Darkflower – die Szene tanzte sich warm.
Wir entschieden uns für den dunkelromantischen Klassiker: die Blaue Stunde. Unter freiem Himmel und bei sanftem Kerzenschein begann unser persönliches WGT 2025 an einem Ort, dessen liebevolle Dekoration sofort verzauberte. Einziger Wermutstropfen: Die Beliebtheit des Ortes stieß an ihre physischen Grenzen; es wurde schnell ungemütlich eng. Dennoch blieb es ein gelungener, stimmungsvoller Auftakt.

Freitag: Von Picknick-Korb bis Synthie-Pop-Legenden
Der Freitag ist untrennbar mit dem Viktorianischen Picknick im Clara-Zetkin-Park verbunden. Die Wiese am See glich auch dieses Jahr einem lebendigen Gemälde. Auffällig war jedoch die wachsende Zahl an Schaulustigen – die Dichte an Kameraobjektiven ist hier mittlerweile wohl so hoch wie nirgendwo sonst in Leipzig.






Am späten Nachmittag zog es uns zur Agra, wo wir auf eine unserer Neuentdeckungen stießen: SKYND. Das australische Industrial-Gothic-Duo hat sich auf die musikalische Aufarbeitung realer Kriminalfälle spezialisiert. In ihren düsteren, oft verstörenden Songs verweben sie True Crime mit elektronischen Beats und experimentellem Gesang, um die Abgründe der menschlichen Psyche zu beleuchten. Jeder Track widmet sich einem spezifischen Fall, wobei die Band eine klinisch-künstlerische Perspektive einnimmt. Besonders der Song „Columbine“ hinterließ bei uns einen bleibenden Eindruck – und ein hartnäckiges „ratatata“-Ohrwurm-Gefühl.



Danach folgte der Headliner des Abends: Alphaville. Die 1980er-Jahre-Ikonen um Marian Gold bewiesen, warum sie Weltruhm erlangt haben. Mit ihrem unverwechselbaren Sound, der atmosphärische Synthesizer-Melodien mit Golds markantem, opernhaftem Gesang verbindet, schufen sie zeitlose Hymnen wie „Big in Japan“ und „Forever Young“. Es war unheimlich beeindruckend zu sehen, welche Show der inzwischen 71-jährige Marian Gold ablieferte. Das Publikum feierte jede Sekunde.




Den Abschluss bildete das Mitternachtskonzert der Schweden von Kite. Seit ihrer Gründung 2008 gilt das Duo Nicklas Stenemo und Christian Berg als eines der packendsten Projekte der modernen Synthie-Pop-Szene. Ihr Sound zeichnet sich durch eine cineastische Breite aus, die nostalgische 80er-Jahre-Synthesizer mit düsterer Melancholie verbindet. Dennoch: Nach der Energie von SKYND und Alphaville konnte uns das Konzert irgendwie nicht ganz abholen. Das Bühnenbild blieb sehr dunkel, und uns fehlte an diesem Punkt das gewisse Etwas. Ein kurzer Abstecher in die Halle 4.2 beendete unseren ersten Festivaltag.



Samstag: Bariton-Klänge und die „Obsession Bizarr“
Das Herzstück des Festivals bleibt das Agra-Gelände mit seinen Zeltplätzen, Einkaufshallen und Dancefloors. Doch das WGT ist mehr als nur die Agra. Der Samstag begann für uns im Volkspalast mit dem mazedonisch-deutschen Sänger Veljanov. Bekannt als Stimme von Deine Lakaien, erkundet er in seinem Soloprojekt ein Spektrum zwischen Alternative Rock, wehmütigem Pop und Chanson. Geprägt durch seinen tiefen Bariton und poetische Texte, schuf Veljanov eine atmosphärische Klangwelt von fast filmischer Eleganz. Trotz der akustischen Herausforderungen der Kuppelhalle war es ein intensives Erlebnis.



Zurück auf der Agra erwarteten uns S.I.T.D. (Shadows in the Dark). Das Ruhrpott-Projekt gehört seit den 90ern zu den prägenden Kräften der Electro-Industrial-Szene. Ihr Sound vereint düstere Melodien mit treibenden Beats und setzt sich oft mit apokalyptischen Themen auseinander. Club-Hymnen wie „Snuff Machinery“ festigten ihren Ruf, Tanzbarkeit mit emotionaler Tiefe zu verbinden. Ein gewohntes, aber immer wieder begeisterndes Highlight.



Dann wurde es Zeit für die Obsession Bizarr, die traditionelle Fetisch-Party im Volkspalast. Um zwischen den Orten zu pendeln, nutzten wir die Tram – das Auto lässt man während des WGT am besten stehen. Die Obsession kombiniert die Ästhetik der schwarzen Szene mit der Welt des BDSM. Entgegen alter Gerüchte ist der Einlass fair, sofern das Outfit den „Fetisch-Faktor“ respektiert. Besonders beeindruckt waren wir von den Playrooms, deren Ausstattung sich von Jahr zu Jahr verbessert und die keinen Vergleich mit spezialisierten BDSM-Events scheuen müssen.


















Das Bühnenprogramm war hochkarätig:
- Dragon Dollz: Eine kraftvolle Double Pole Dance Performance, die Eleganz mit artistischem Können vereinte.
- Garden of Chains: Das Label von Michael Gärtner präsentierte avantgardistischen Schmuck und industrielle Körper-Accessoires in einer düsteren Fashion Show.
- Heretic Dream: Eine intensive Self-Bondage-Performance.
- Inga Salome: Die Berliner Performerin zeigte eine spektakuläre „Hair Suspension“. Bei dieser Tradition wird das Körpergewicht nur an den Haaren getragen – eine „Meditation im Schmerz“, die in sakral anmutenden Bildern die Grenzen des Machbaren auslotete.
- Dragon Dollz (Finale): Den krönenden Abschluss bildete eine beeindruckende Feuershow.
Sonntag: Heidnische Idylle und orchestraler Pomp
Der Sonntag startete entspannt im Heidnischen Dorf am Torhaus Dölitz. Das „Heido“ ist mit seinen Mittelaltermärkten, Tavernen und Ritterkämpfen ein Rückzugsort für Familien und Szene-Gänger gleichermaßen. Besonders lobenswert: Die Ticketkasse war in diesem Jahr wesentlich besser organisiert, und der offizielle Durchgang über den Zeltplatz zur Agra sparte uns viel Zeit und Nerven.



Musikalisch ging es mit Crimson Veil weiter. Das Quartett aus Brighton gilt als eine der eigenwilligsten Neuentdeckungen im Dark Progressive Rock. Mit Violine, Cello und der wandlungsfähigen Stimme von Mishkin Fitzgerald erschufen sie eine dichte, beinahe sakrale Atmosphäre, die zwischen zerbrechlich und brachial schwankte.



Direkt im Anschluss übernahmen Xandria die Agra-Bühne. Seit ihrer Gründung 1994 haben sie sich von einer Gothic-Metal-Band zu einem der profiliertesten Vertreter des Symphonic Metal entwickelt. Mit der neuen Sängerin Ambre Vourvahis präsentierten sie sich in einem modernen Gewand, das klassischen orchestralen Pomp mit progressiven Elementen verbindet. Ein absolut mitreißendes Konzert.




Ein Genre-Wechsel führte uns ins Täubchenthal zu Rhys Fulber. Als kreativer Kopf hinter Front Line Assembly und Delerium ist er ein Architekt der elektronischen Musik. Sein Soloprojekt verbindet mechanische Härte mit sphärischer Melancholie – ein wahres Klangkunstwerk.

Das Highlight des Abends wartete jedoch im Felsenkeller: Icon of Coil. Die norwegische Formation um Andy LaPlegua (Combichrist) revolutionierte um die Jahrtausendwende den Futurepop. Mit einer Mischung aus treibenden Techno-Beats und hypnotischen Bassläufen bewiesen sie, dass Industrial-Energie und poppiges Songwriting kein Widerspruch sind. Der Felsenkeller kochte – für uns der absolute Höhepunkt des Tages.






Montag: Finale mit finnischen Vampiren und deutschen Legenden
Der Montag begann traditionell in der Moritzbastei bei den Klängen von Donner-Trummel, die seit 1993 als Pioniere der Spielmannskunst gelten. Danach verabredeten wir uns mit Freunden auf der Wiese vor der Torhaus-Bühne im Heidnischen Dorf, um Haggefugg zu sehen. Die Kölner Band verbindet Dudelsäcke mit modernem Metal zu ihrem „Prost-Mittelalter-Party-Rock“ – genau die richtige Stimmung für den letzten Festivaltag.









Zum großen Finale kehrten wir in die Agra-Halle zurück. Den Anfang machten The 69 Eyes. Die „Helsinki Vampires“ kombiniert düsteren Gothic Rock mit der rotzigen Energie des Sleaze Rock. Mit dem tiefen Bariton von Jyrki 69 lieferten sie eine Show ab, die uns – obwohl wir sie schon oft gesehen haben – erneut komplett begeisterte.








Und dann kam die Band, auf die wir uns am meisten gefreut hatten: Camouflage. Als Urgesteine des deutschen Synthie-Pop prägten sie seit den 80ern mit Hits wie „The Great Commandment“ und „Love is a Shield“ die Szene. Es war ein Hochgenuss, diese Legenden wieder live zu erleben. Melancholische Melodien trafen auf tanzbare Beats – ein würdevoller Abschluss.






Traditionell endete unser WGT 2025 in der Halle 4.2. Auch wenn die Füße nach fünf Tagen streikten, wurde noch einmal getanzt. Da uns die Musikauswahl in diesem Jahr am Ende nicht ganz zusagte, machten wir uns etwas früher auf den Heimweg, bevor das Licht anging.
Wir blicken zurück auf vier intensive Tage voller Entdeckungen und bekannter Gesichter. Die Vorfreude auf das 33. Wave-Gotik-Treffen (22. – 25. Mai 2026) ist bereits jetzt riesig.