Peitschenknall im Barock-Himmel: Händels „Alcina“ als SM-Drama
Was passiert, wenn barocke Zauberoper auf die Ästhetik eines Fetisch-Clubs trifft? Die Regisseurin und Choreografin Nanine Linning hat an der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München genau dieses Experiment gewagt. In ihrer Inszenierung von Georg Friedrich Händels „Alcina“ tauscht die berühmte Zauberin ihren Zauberstab gegen die Peitsche aus.
Die Insel der verlorenen Männer – jetzt in Lack und Leder
In der ursprünglichen Geschichte verwandelt die Zauberin Alcina ihre Verflossenen in Tiere oder Pflanzen. In Linnings Interpretation ist die magische Insel ein düsteres Souterrain, bevölkert von Gestalten in Latex, Käfigen und Tiermasken. Alcina herrscht hier als Sadomaso-Domina über ein Reich der körperlichen Unterwerfung.
Die Inszenierung setzt voll auf die Macht der Bilder:
- Visuelle Wucht: Choreografierte Tanzszenen dominieren das Bühnengeschehen und machen die emotionalen Abgründe der Figuren physisch greifbar.
- Konzept: Die „böse Macht“ der Verführung wird durch BDSM-Symbolik übersetzt – ein mutiger Ansatz, der die Grenzen zwischen Lust und Schmerz auslotet.
Musikalische Brillanz gegen optische Härte
Trotz der provokanten Optik kommt der musikalische Genuss nicht zu kurz. Unter der Leitung von Christopher Moulds liefert das Barockensemble der Musikhochschule einen präzisen und lebendigen Händel-Sound.
Besonders hervorzuheben sind die gesanglichen Leistungen des jungen Ensembles:
- Die Titelfigur der Alcina beeindruckt durch stimmliche Präsenz, die den Wandel von der herrischen Domina zur tief verletzten Frau fühlbar macht.
- Besonders der Countertenor in der Rolle des Ruggiero meisterte die virtuosen Koloraturen mit Bravour und bildete das emotionale Herzstück des Abends.
Fazit: Ein Abend für Augen und Ohren
Obwohl die BDSM-Ästhetik auf Dauer etwas repetitiv wirken mag, gelingt es der Produktion, die zeitlose Frage nach der zerstörerischen Kraft der Leidenschaft neu zu stellen. Ein Muss für Opernfans, die keine Angst vor einer kräftigen Prise Provokation haben.
Quelle: Bayerische Staatszeitung