Kuscheln in Ketten: Warum Bondage der perfekte Anker im Lockdown war
In seiner taz-Kolumne „Kuscheln in Ketten“ reflektiert Peter Weissenburger über Intimität in Zeiten der Pandemie – und warum gerade die freiwillige Fesselung Freiheit im Kopf schaffen kann.
Die frühen Tage der Corona-Pandemie zwangen uns alle in eine ungewohnte Starrheit: Kontaktbeschränkungen, Lockdown, Isolation. Doch während die Welt draußen zum Stillstand kam, beschreibt Peter Weissenburger in seinem Beitrag „Bondage in viralen Zeiten“, wie er sich bewusst für eine andere Form der Unbeweglichkeit entschied.
Die „Quarantäne-Partnerschaft“ Kurz vor den strikten Maßnahmen ging der Autor eine monogame Partnerschaft mit einem kinky Spielpartner ein – auf unbestimmte Zeit. Ein Schritt, der pragmatisch begann, um Kontakte zu minimieren, aber schnell eine tiefere emotionale Ebene erreichte. In einer Zeit, in der Berührungen zur Gefahrenquelle wurden, schuf diese exklusive Vereinbarung einen sicheren Raum für körperliche Nähe.
Mehr als nur Fesseln Weissenburger räumt mit dem Klischee auf, Bondage sei bloße Bewegungslosigkeit. Er beschreibt es vielmehr als die Erfahrung, „nicht aus Bewegung und Stillstand, sondern aus Bewegen und Bewegtsein“ zu bestehen. Die Seile werden zur Metapher: Während das Virus uns unfreiwillig einschränkte, bot das Fesseln eine gewählte Einschränkung, die paradoxerweise ein Gefühl des Loslassens ermöglichte.
Vertrauen als Währung Der Text hebt die enorme Verantwortung des dominanten Parts hervor („Lieber einmal zu früh aufhören als zu spät“), aber auch die oft unterschätzte Leistung des submissiven Parts: die Kunst, sich fallen zu lassen. Gerade wenn die Außenwelt von Unsicherheit geprägt ist, wird das blinde Vertrauen in den Partner, der die Kontrolle (und die Seile) hält, zu einem psychologischen Anker.
Fazit Der Artikel ist eine spannende Momentaufnahme aus dem Jahr 2020. Er zeigt, wie BDSM-Praktiken nicht nur sexuelles Spiel sind, sondern auch psychologische Bewältigungsstrategien sein können – ein intensives Gegenmittel zur Hilflosigkeit einer globalen Krise.
Quelle: TAZ