Tabubruch oder tiefe Hingabe? Wenn BDSM auf frommen Glauben trifft
Auf dem Kirchentag reiben sich Besucher oft verwundert die Augen: Zwischen Bibelkreisen und Posaunenchören fordert ein Stand mit der Aufschrift „BDSM und Christsein“ das bürgerliche Verständnis von Moral heraus. Ein aktueller Artikel der taz beleuchtet, wie Peitschen und Gebete zusammenpassen – und warum Unterwerfung für manche ein spiritueller Akt ist.
Auf den ersten Blick wirkt es wie ein klassisches Oxymoron: Hier die (vermeintlich) sanfte christliche Nächstenliebe, dort die (vermeintlich) harte Welt von Lack, Leder und Schlägen. Doch der taz-Artikel „BDSM und Christsein: Auch die andere Wange“ räumt gründlich mit den Klischees von „Shades of Grey“ auf und lässt Menschen zu Wort kommen, die beides leben: den Glauben an Gott und die Lust an der Fesselung.
Mehr als nur Schmerz: Vertrauen als Brücke
Im Zentrum des Beitrags steht der „Ökumenische Arbeitskreis BDSM und Christsein“. Dessen Mitglieder, wie der 50-jährige Markus oder die verwitwete Petra, argumentieren gegen das Bild des sadistischen Monsters. Für sie hat modernes BDSM wenig mit den düsteren Fantasien eines Marquis de Sade zu tun, sondern vielmehr mit „intensiver Körperlichkeit“ und radikaler Ehrlichkeit.
Der überraschende theologische Twist: Die Mechanismen im BDSM – das völlige Loslassen, die Hingabe an ein Gegenüber und das grenzenlose Vertrauen – weisen starke Parallelen zum christlichen Glauben auf. Wer sich im Spiel fesseln lässt, übt sich im „Geschehenlassen“ und Vertrauen, ähnlich wie im Gebet („Dein Wille geschehe“).
Abgrenzung von Gewalt
Ein zentraler Punkt des Artikels ist die scharfe Trennlinie zur Gewalt. Petra betont: Gewalt geschieht gegen den Willen des Opfers. BDSM hingegen basiert auf Konsens, Absprachen und Fürsorge. Wenn diese Regeln eingehalten werden, sei BDSM das genaue Gegenteil von Missbrauch – nämlich ein geschützter Raum, in dem man sich verletzlich zeigen darf.
Der Kampf gegen das Schweigen
Dennoch bleibt das Thema in den Gemeinden heikel. Der Artikel beschreibt den „Gegenwind“, den Protagonisten wie Petra in ihren konservativen Kirchengemeinden erfahren, sobald ihre Neigung bekannt wird. Oft bleibt nur das Doppelleben oder die Flucht in spezialisierte Gruppen wie den Arbeitskreis, der auf dem Kirchentag Aufklärungsarbeit leistet.
Fazit: Der taz-Beitrag ist ein starkes Plädoyer dafür, vorschnelle Urteile zu hinterfragen. Er zeigt auf, dass das, was von außen wie Sünde aussieht, von innen betrachtet eine Form tiefster menschlicher Verbindung und spiritueller Praxis sein kann.
Quelle: TAZ