Schmerz als Genuss? Warum wir Chili, Kälte und Muskelkater suchen
Wenn wir „Lust am Schmerz“ hören, denken die meisten sofort an „Shades of Grey“ oder selbstverletzendes Verhalten. Doch die Philosophin Teresa Geisler zeigt in einem neuen taz-Interview, dass das Phänomen viel alltäglicher ist – und warum unsere Gesellschaft einen gesünderen Umgang mit dem Leiden braucht.
Warum beißen wir freiwillig in extrem scharfe Chilis? Warum rennen Menschen Marathons, bis die Lunge brennt, oder springen im Winter in Eiswasser? In einem spannenden Gespräch mit der taz plädiert die Philosophin Teresa Geisler dafür, den Begriff der „Schmerzlust“ aus der reinen BDSM- und Pathologie-Ecke zu holen.
Mehr als nur Masochismus
Laut Geisler ist die Suche nach dem „angenehmen Schmerz“ ein tiefes menschliches Bedürfnis nach Intensität. Es geht nicht immer um Sexualität. Es geht um das Spüren der eigenen Grenzen.
Der Reiz liegt oft in der begrenzten Planbarkeit. Während ungewollter Schmerz (z. B. durch Krankheit oder Unfall) uns als totale „Unverfügbarkeit“ trifft und uns die Kontrolle entzieht, ist der gesuchte Schmerz ein Spiel mit dem Feuer: Wir begeben uns freiwillig in eine intensive Situation, behalten aber (meistens) die Handbremse in der Hand.
Die Verdrängung des Schmerzes
Ein zentraler Punkt des Interviews ist Geislers Kritik an unserem gesellschaftlichen Umgang mit negativen Gefühlen. Wir leben in einer Kultur der „Abspaltung“:
- Körperlicher Schmerz wird ins Krankenhaus ausgelagert.
- Seelischer Schmerz gehört zum Therapeuten.
- Im Alltag soll alles „smooth“ und schmerzfrei funktionieren.
Diese Privatisierung des Leidens hält Geisler für problematisch. Schmerz ist keine reine Privatsache, sondern eine universelle Erfahrung. Wenn wir ihn nur im Verborgenen zulassen, fehlt uns der Raum, ihn kollektiv zu verarbeiten und Empathie zu üben.
Fazit
Der Artikel lädt dazu ein, das eigene Verhältnis zum Schmerz zu hinterfragen. Ist das Brennen beim Sport oder die Hitze der Sauna vielleicht genau der Moment, in dem wir uns am lebendigsten fühlen? Geisler warnt jedoch auch: Der Grat ist schmal. Wenn aus dem genussvollen Barfußlaufen plötzlich eine Verletzung wird, kippt die Lust schnell in Frust.
Quelle: TAZ