Rückschau: SundMehr 28.082015 – „Wie strafe ich richtig gut?“

Ob es der Ferienzeit oder dem spontan notwendigen Raumwechsel geschuldet war, dass sich die relativ geringe Anzahl von 13 Gesprächskreisteilnehmern am 28. August zum Thema „Wie strafe ich richtig gut?“ einfand, war unklar. Der Intensität der Gespräche tat dies keinen Abbruch.

Bei der Eingangsfrage, wie man sich gefühlt habe, als man – egal in welchem Kontext – das letzte Mal bestraft worden sei, stellte sich heraus, dass die wenigsten Erinnerungen an Bestrafungssituationen im Alltag besaßen, sieht man von kleineren Verkehrsdelikten ab, denen jedoch eher monetäre, als emotionale Bedeutung zugemessen wurde.

Eher kamen unangenehme Erfahrungen aus der Kindheit zur Sprache. So berichtete eine Teilnehmerin, dass sie die Strafe für ihre Brüder auf sich genommen habe, weil diese in der Regel viel härter bestraft wurden, als sie. Sie habe sich in diese hineinversetzt und sich anschließend gut gefühlt. Andere berichteten aber ausnahmslos von negativen Gefühlen, der Ohnmacht und unbändigen Wut, weil sie Strafe in der Regel ungerecht empfanden.

Erstaunliche Ausnahme bildete der Bericht eines Teilnehmers, der als Deutscher vor Jahren in einem muslimischen Land gearbeitet und „sich daneben benommen“ habe, in dem er Frauen berührt und umarmt habe. Seine Strafe habe – nach islamischem Recht – aus Schlägen mit einer Art Peitsche bestanden, die nichts mit Spiel zu tun gehabt hätten. Im Verlauf des Abends ergänzte er, dass er sich dabei, bis zum Höhepunkt sexuell erregte.

Bei vielen wurde Bestrafung eher aus SMigem dem Kontext geschildert, wobei die Meinungen schwankten, von „eine richtige Strafe müsse man sich auch verdient haben“, bis hin zum Gefühl – einer die submissive Seite bevorzugenden Frau – vorsätzlich provozierte Strafe sei ihr ein Greul.

Strafe sei dann nicht echt und sie selbst mit dem Gefühl nicht dabei. Zu Reue oder Demut gezwungen zu sein, sei alles andere als geil. Eine andere Teilnehmerin berichtete von einer aktuellen Art Kontaktsperre, bei der ihr Spielpartner nicht auf ihre Nachrichten antwortete und sie – offenbar zugunsten einer anderen – ignoriere. Aus der Runde kamen Assoziationen zu angeblich „gewaltfreien“ Erziehungsmethoden mancher Eltern, aber auch, dass es sich hier eher um ein ernsthaftes Beziehungsproblem handeln könnte, statt um eine Maßnahme, um SM-Erotik zu steigern, denn glücklich schien die Betroffene nicht zu sein.

Jemand, der vor längerer Zeit von passiver auf die aktive Seite sadomasochistischer Vorlieben wechselte fand es zu lange her, um sich an Bestrafung zu erinnern, seine Partnerin beschrieb sich als zu lieb, um bestraft zu werden. Ein anderer Teilnehmer berichtete, dass er gerne auch während einer Session gerne provoziere, sodass es ohne Strafe gar nicht möglich wäre zu spielen, wobei er und seine Partnerin durchaus auch an Grenzen gingen, die anderen vermutlich zu weit seien. Es käme dann auch bei ihm zu einem Kampf mit dem Ego, weil es schon sehr unangenehm wäre, aber er wolle dann „nicht brechen“ und die Situation durchstehen – ein Machtspiel.

Wie kommt es zu dem Dilemma, dass so viele Bestrafung eher ablehnen, weil sie sich selbst als gerecht und insofern sozialisiert betrachteten, dass sie ihr Verhalten begründen können, und das Gefühl haben keine Strafe zu verdienen, und dies im SM-Kontext dennoch akzeptieren, sofern Strafe nicht bewusst provoziert wird? Eine Besucherin vermutete sich selbst dem Klischee nahe, dass

Kindheitserinnerungen wach werden: der Elternteil, der bestraft, wird dennoch geliebt, wodurch die Negativ-Zuwendung doch auch Nähe schaffe. Sie fühle sich ihrem Dom auch sehr nahe, wenn sie bestraft würde und das abgesprochene Machtverhältnis käme wieder ins Lot. Auch von anderen wurde der Verdacht unterstützt, dass Kindheitserfahrungen reaktiviert würden: Strafe schaffe, gerade wenn sie als ungerecht erlebt würde, auch Widerstand und mache so stark. Allerdings soll dieser ja auch vom Aktiven überwunden werden. Dass die Versuchung, den aktiven zu provozieren, dann nahe liegt, wird so erklärbar: sind es doch positive Gefühle, die angestrebt werden. Strafe wird zur Belohnung. Manche Provokation im SM-Kontext wirke wie bei kleinen Kindern – praktisch ein Deal mit den Eltern, eine gegenseitige Manipulation. Bei SM ist dazu eine Niederlage in der Phantasie nicht möglich: steht Sub die Bestrafung durch, fühlt er sich stark, aufgrund seiner Fähigkeit viel auszuhalten, sich nicht brechen zu lassen. Wird sein Widerstand überwunden, findet er sich in der Beziehung des (hoffentlich) vertrauenswürdigen Dom wieder, die ihn emotional auffängt. Als Dom könne es dann besser sein, in einer Spielsituation mit anderen, die erwartete Strafe auszusetzen, und z.B. seine Sub nur zu kontrollieren, in dem sie fixiert würde und dafür eine andere zu bestrafen, bzw. so mit ihr zu spielen, wie Sub es sich gewünscht habe. Das sei dann eine erzieherische Maßnahme. Strafe sei nicht Inhalt jedes Spiels, wurde festgestellt – während eine Teilnehmerin einwarf, für sie sei Strafe etwas Ungewolltes und nichts Provoziertes. Letztlich beobachte er bei SM-Sessions im Grunde kaum Strafen, subsummierte ein Teilnehmer und schlug vor, lieber von Spielen mit „Strafcharakter“ zu sprechen. Assoziationen von Mittelalterlichen Demütigungen am Pranger oder anderen Foltermethoden kämen zur Schau, allerdings auf Grund der Einvernehmlichkeit der Partner eben nicht im Sinne einer verdienten, demütigenden Strafe.
Ein anderer sprach von „erzieherischen Maßnahmen“ bei denen Sub lernen solle, ein unerwünschtes Verhalten zu unterlassen. Wobei auch körperlich einiges ausgelöst werden kann – das erwünscht ist? Strafe funktioniere dann, wenn sie gerecht ist, stellte die zugehörige Partnerin fest, und wenn sie von ihr auch so empfunden würde.

Fraglich war an also, wozu Strafe gut sein soll, wenn die Einsicht, in ihre „Notwendigkeit“ schon längst geschehen ist, sofern sie als gerecht empfunden wird… Selbst das deutsche „Strafrecht“ geht ja davon aus, dass es bei einer Verurteilung nicht um Rache oder Sühne geht, sondern dass jeder Mensch sich verändern kann – weshalb niemand wirklich lebenslänglich ins Gefängnis kommt, sondern irgendwann „resozialisiert“ werden soll. Der Aspekt der Einsicht wurde dann diskutiert, weil nach Ansicht einer Besucherin, SM eine Lebenssituation darstelle, bei der der Top das Recht bekäme, über den Sub zu verfügen.
Strafe diene in weiten Teilen dazu, den Beteiligten zu bestätigen, dass Entscheidungen des Tops akzeptiert würden und rücke so das abgesprochene Verhältnis wieder ins Lot. Hier sähe er einen Unterschied zwischen SM und DS, erklärte ein Anwesender. Im Rahmen einer Dominanz und Submission-Situation könne es durchaus sein, dass jemand körperlich unangenehme Gefühle ertrage, um das Machtverhältnis zu bestätigen. Ein quasi religiöses Gefühl entstünde: Der dominante Part hat immer Recht, was dem Dom und dem Sub gut tut.

Dies schien der einzige Aspekt zu sein, der an diesem Abend für Strafe sprach, denn offenbar bringt sie, für Leute, die vor allem Sadismus und Masochismus (das Spiel mit den körperlichen, oft unangenehmen Gefühlen) bevorzugen weder etwas für die Beziehung, für die erotische Lust und motiviert nicht. Dennoch kann sie Dinge „ins Lot“ bringen, die die „Bilder im Kopf“ bestätigen, sei es, einer mittelalterlichen Selbstinszenierung, oder eines hierarchischen Verhältnisses der Beteiligten, wenn die sich als Team in einem Spiel wahrnehmen, das als Ziel die gemeinsame erotische Lust hat. Auch das Gefühl „sich für andere“ zu opfern, in dem die Strafe für jemand anderen abgegolten wird, kann dazu gehören. Doch kann Strafe überhaupt darüber hinaus zu einer Verhaltensänderung führen, oder bringt sie gar nichts? Ist Belohnung nicht der viel stärkere Antrieb? Wie also, kann im Kontext einer Session „richtig gut“ gestraft werden? Schließlich braucht Strafe ein Vergehen – das nicht absichtlich herbei geführt werden soll. Spiele mit Strafcharakter müssen keine wirkliche Strafe beinhalten. Dass eine Strafe gut war, merkt man hinterher, weil es beiden auch gut geht, nach der Situation. Und dennoch soll sie dazu führen, dass „ein Vergehen“ nicht mehr vorkommt. Wie kann also Strafe nachhaltig, ohne Beschädigung der Beziehung, dazu führen, dass sie motiviert, ein Verhalten zu unterlassen, ohne dass sie dazu motiviert, ein unerwünschtes Verhalten zu zeigen? Alle die Überlegungen können nicht losgelöst von der Person der Beteiligten betrachtet werden, stellte eine Anwesende fest. Strafe sollte auf keinen Fall daraus bestehen, dass man die Dinge macht, die der andere mag. Sonst wird sie zur Belohnung.

Man müsse hierbei unterscheiden, ob es sich um eine kommerzielle oder nicht-kommerzielle Spiel-, oder eine Liebesbeziehung handelt, stellte ein Anwesender fest. Strafe eine Domina gut, käme Sub wieder, wobei Strafe hier durchaus auch als Belohnung gesehen werden kann – so funktioniert Kundenbindung. In einer Liebesbeziehung sei man allerdings auch daran interessiert, sich gegenseitig nicht wirklich zu schaden – und die Beziehung zu erhalten.

Es gibt also kein Patentrezept, war dann der Tenor in der Abschlussrunde. Einige berichteten nach wie vor davon, dass für sie das Thema Strafe im SM-Kontext nicht existiere. Andere wussten nur die
Anzeichen einer gelungenen Strafe: dass es beiden hinterher noch gut miteinander geht. SM sei die Umkehrung des alltäglichen Lebens. Vieles sei auf den Kopf gestellt, meinte ein Teilnehmer, was vom Moderator, mit Hinweis auf seine erste Buchveröffentlichung freudig aufgegriffen wurde.

Eine gute Strafe bringe ihn „runter“ von der eigenen Persönlichkeit, sodass er nicht mehr frech grinse, meinte ein Anderer. Eine gute Strafe hole sie ab und bringe sie in ihre Rolle, erklärte eine weitere. Dabei sei es wichtig, so ihr Partner, dass seine Strafen die Sub „flashen“, keine Routine aufkäme und eher Überraschungen entstünden. Und androhen und dann nicht durchführen, bringe nichts – Konsequenz sei sehr wichtig. Gute Strafe könne der Sub zulassen, erläutere eine andere. Für Ihn sei an diesem Abend herausgekommen, dass Strafe eigentlich bei Sessions kaum vorkäme, sondern es sich eher um Spiele mit Strafcharakter handle, war ein weiteres Abschlussstatement, während eine Dominant spielende betonte, für sie ginge es bei Strafe um die Lust der Dominanten und erregte dabei den Unmut ihres anwesenden Partners, weil der Team-Charakter dabei vernachlässigt würde. Wichtig sei ihm, erläuterte der gerne provozierend spielende Besucher am Ende, dass sie nach der Session Freunde bleiben könnten. Bei ihm und seiner Partnerin funktioniere dies. Nachdem so abgeschlossenen thematische Teil, konnte sich die Runde noch in den etwas kühleren, gemütlichen Biergarten der Ersatz-Location setzen und den Abend, oder die Ereignisse des Sommers Revue passieren lassen.

Der Gesprächskreis SundMehr trifft sich wieder am 25.09.2015 im gewohnten Treffpunkt. Zu Gast wird ein Psychologe sein, zum Thema „Genug, mehr als Genug oder Zuviel?“

www.sundmehr.de in Kooperation mit AK SMuC www.sm-und-christsein.de

Quelle: SWL